Colares liegt dort, wo Portugal aufhört und der Atlantik beginnt – eine schmale Küstenzone westlich von Sintra. Was hier seit Jahrhunderten wächst, lässt sich kaum mit einer anderen Weinregion der Welt vergleichen. Die Reben stehen nicht auf Erde, sondern in reinem Dünensand, gepflanzt in Gräben, die Generationen von Winzern von Hand bis zu sechs Meter tief ausgehoben haben – so lange, bis ihre Schaufeln auf den lehmig-kalkigen Untergrund unter dem Sand trafen, in dem allein die Wurzeln Halt finden.
Diese mühsame Pflanzmethode hatte ursprünglich praktische Gründe: Der ständige Atlantikwind hätte jede flacher verwurzelte Rebe binnen kurzer Zeit umgeworfen. Erst im Rückblick erwies sich der Sand als noch größerer Glücksfall. Als die Reblaus im 19. Jahrhundert beinahe den gesamten europäischen Weinbau vernichtete, blieb Colares verschont – der lockere Sandboden bot dem Schädling keinen Halt. Während andere Regionen ihre Weinberge komplett neu pflanzen mussten, auf amerikanischen Unterlagsreben, produzierte Colares unbeirrt weiter. Bis heute stehen hier einige der letzten ungepfropften, wurzelechten Rebstöcke Europas.
Ein Klima zwischen zwei Welten
Die Region profitiert von einer ungewöhnlichen geografischen Konstellation. Die Sintra-Berge im Hintergrund halten kalte Nordwinde ab, während die Nähe zum Meer für konstant hohe Luftfeuchtigkeit sorgt – im Schnitt über fünfundsiebzig Prozent. Das Ergebnis ist ein mildes, wenig schwankendes Klima mit einer Durchschnittstemperatur um sechzehn Grad und vergleichsweise hohen Niederschlägen für portugiesische Verhältnisse. Sonnentage sind in Colares rarer als anderswo in Portugal; gerade diese Zurückhaltung der Sonne ist es, die der Ramisco-Traube ihre charakteristisch helle Farbe, straffe Säure und maßvollen Alkoholgehalt verleiht.
Ramisco: Eine Rebsorte ohne Verwandte
Der rote Ramisco wächst praktisch nirgendwo sonst auf der Welt. Manche Quellen vermuten seine Herkunft im 13. Jahrhundert aus Nordfrankreich, mitgebracht von König Afonso III.; gesichert belegt ist die Sorte jedenfalls seit dem späten 18. Jahrhundert. Die Trauben sind klein, dickschalig und ergeben Weine von schlanker Statur, ausgeprägter Tanninstruktur und einer salzig-erdigen Aromatik, die unverkennbar an ihre Herkunft direkt am Meer erinnert. Junger Ramisco kann streng und verschlossen wirken – ein Wein, der Geduld verlangt. Mit Flaschenreife jedoch entfaltet er sich zu etwas, das in der Weinwelt seinesgleichen sucht: getrocknete Kirsche, Walderde, ein Hauch Leder, durchzogen von einer Frische, die selbst nach Jahrzehnten kaum nachlässt.
Auf den Weißwein nicht zu vergessen: die Malvasia de Colares, eine ebenfalls seltene, autochthone Sorte, die auf denselben Sandböden mineralische, salzige Weine mit beachtlichem Reifepotenzial hervorbringt.
Eine schwindende Region
In den 1930er Jahren bewirtschafteten die Winzer rund um Colares noch knapp zweitausend Hektar Rebfläche. Heute sind es weniger als fünfzig. Der Grund liegt nicht im Klima oder im Boden, sondern im Immobilienmarkt: Die Küstenlage zwischen Lissabon und Sintra gehört zu den begehrtesten Portugals, und über Jahrzehnte war es lukrativer, Weinberge in Bauland zu verwandeln als sie zu bewirtschaften. Was bleibt, ist eine Handvoll Erzeuger, die der Tradition treu geblieben sind – meist auf winzigen, verstreuten Parzellen, ohne jede Drahterziehung, die Reben in der für die Region typischen Gobelet-Form bodennah gezogen, gegen den Wind durch kleine Strohzäune geschützt.