Wer Spanien mit trockenem Hochland, sengender Hitze und mächtigen Tempranillo-Weinen gleichsetzt, sollte einmal nach Galizien reisen. Im äußersten Nordwesten der iberischen Halbinsel, eingerahmt von Atlantik und kantabrischer Küste, herrscht ein Klima, das eher an Irland oder die Bretagne erinnert als an das übrige Spanien: viel Regen, gedämpfte Sommer, satte grüne Landschaften. Die Weinkultur, die sich hier über Jahrhunderte entwickelt hat, folgt entsprechend eigenen Regeln – kleinteilig, granitgeprägt, mit einer Vorliebe für Weißweine von durchdringender Mineralität.
Fünf Herkunftsbezeichnungen prägen das Bild, jede mit eigenem Charakter, jede entlang der großen Flüsse Galiziens angesiedelt – Miño, Sil und Avia haben über Jahrtausende die Täler geformt, in denen heute Wein wächst. Was die Region zusammenhält, ist weniger eine gemeinsame Rebsorte als eine gemeinsame Haltung: kleine Parzellen, oft in Steillagen, viel Handarbeit, ein spürbarer Stolz auf autochthone Sorten, die anderswo längst verschwunden wären.
Granit als gemeinsamer Nenner
So unterschiedlich die fünf DOs klimatisch auch sind, geologisch eint sie ein Element: Granit, in unzähligen Verwitterungsstufen über das gesamte Gebiet verteilt. Dieser nährstoffarme, gut drainierte Untergrund zwingt die Reben zu tiefem Wurzelwachstum und liefert genau jene straffe, mineralische Säurestruktur, für die galizische Weißweine international geschätzt werden. In Ribeira Sacra kommen zusätzlich Schieferanteile hinzu, die den dortigen Mencía-Rotweinen ihre charakteristische Würze verleihen; in Valdeorras dominiert eine Mischung aus Schiefer und Quarzit, die dem Godello seine elektrische Spannung gibt.
Albariño und seine Geschwister
International steht Galizien fast synonym für Albariño, jene dickschalige, aromatische Rebsorte, die in Rías Baixas über neunzig Prozent der Bepflanzung ausmacht. Doch wer sich nur auf diese eine Sorte konzentriert, verpasst die eigentliche Vielfalt der Region. Godello aus Valdeorras erzeugt strukturierte, oft im Holzfass ausgebaute Weißweine mit beachtlichem Lagerpotenzial. Treixadura, die Leitsorte des Ribeiro, liefert blumigere, weniger säurebetonte Weine. Bei den Rotweinen dominiert Mencía – in Ribeira Sacra auf steilen Terrassen kultiviert, ergibt sie Weine von kühler Frucht, feinem Tannin und einer floralen Komplexität, die manche Kritiker mit gutem Pinot Noir vergleichen.
Steillagen als Lebensaufgabe
Nirgendwo zeigt sich die Mühe des galizischen Weinbaus deutlicher als in Ribeira Sacra. Die Weinberge klettern in Terrassen die Hänge des Si hinauf, mancherorts mit einer Neigung von über fünfundachtzig Prozent – Maschineneinsatz ist hier schlicht unmöglich. Jede Lese, jede Laubarbeit geschieht von Hand, oft mit Seilen gesichert. Dass unter diesen Bedingungen überhaupt wirtschaftlicher Weinbau stattfindet, verdankt sich vor allem dem außergewöhnlichen Ergebnis: Mencía-Weine von einer Frische und Präzision, die den enormen Aufwand rechtfertigen.