Während der größte Teil Japans mit feuchtschwülen Sommern und hohem Pilzdruck kämpft, herrscht auf Hokkaido ein gänzlich anderes Klima. Die nördlichste Hauptinsel Japans liegt auf derselben geografischen Breite wie Burgund und die Champagne, und genau diese Lage – kühle Sommer, lange, kalte Winter, eine gemächliche Reifeperiode – hat hier in wenigen Jahrzehnten eine Weinkultur entstehen lassen, die in Fachkreisen zunehmend ernst genommen wird. Wo der Rest Japans auf hybride, krankheitsresistente Sorten setzt, wagt man sich auf Hokkaido an Pinot Noir, Chardonnay und andere Sorten, die anderswo im Land kaum eine Chance hätten.
Den eigentlichen Ausschlag gab eine einzige Flasche. Als der 2017er Nana-Tsu-Mori Pinot Noir von Domaine Takahiko auf der Weinkarte des Kopenhagener Spitzenrestaurants Noma auftauchte, richtete sich der Blick der internationalen Weinwelt erstmals ernsthaft auf das kleine Städtchen Yoichi. Takahiko Soga, der seine Domaine 2010 gegründet hatte, wurde damit quasi über Nacht zum Aushängeschild einer ganzen Region – und bewies, dass japanischer Pinot Noir mehr sein kann als ein Kuriosum.
Vulkanischer Boden, lange Reifezeit
Was Hokkaido weinbaulich so interessant macht, ist eine Kombination aus Lage und Geologie. Die Böden rund um Yoichi sind vulkanischen Ursprungs, gut drainiert und mineralreich – Bedingungen, wie sie sich Winzer andernorts wünschen. Die Sommer bleiben mit Durchschnittstemperaturen um zwanzig bis dreiundzwanzig Grad angenehm kühl, die Winter dagegen sind hart: Schnee bedeckt die Weinberge monatelang, und in den kälteren Lagen müssen die Reben zum Schutz vor Frost teilweise unter Erde oder Schnee eingegraben werden. Diese Härte hat ihren Preis, aber auch ihren Lohn. Die lange, langsame Vegetationsperiode erlaubt den Trauben, Aromenkomplexität aufzubauen, ohne die natürliche Säure zu verlieren – genau jene Kombination, die kühlen Weinbaugebieten weltweit ihren Ruf verschafft.
Pinot Noir, Kerner und ein Hauch Deutschland
Die Rebsortenwahl auf Hokkaido folgt konsequent dem Klima. Pinot Noir hat sich zur prägenden roten Sorte der Insel entwickelt, besonders rund um Yoichi, und liefert Weine von erstaunlicher Eleganz: helle Frucht, straffe Säure, feines Tannin – eher Burgund als Neue Welt. Chardonnay gewinnt parallel an Bedeutung und zeigt in guten Lagen eine mineralische Schärfe, die man der japanischen Weinlandschaft selten zutraut. Auffällig ist die Präsenz deutscher Rebsorten: Kerner, eine Kreuzung aus Trollinger und Riesling, hat in Yoichi eine zweite Heimat gefunden und liefert aromatische, säurebetonte Weißweine; Müller-Thurgau ergänzt das Bild mit fruchtigen, unkomplizierten Tropfen. Zweigelt schließlich zeigt, dass auch österreichische Sorten in diesem Klima überzeugen können.
Naturweinland Hokkaido
Ein Grund für Hokkaidos Aufstieg liegt jenseits der reinen Rebsortenfrage. Die kühle, vergleichsweise trockene Witterung sorgt für deutlich geringeren Pilzdruck als im feuchten Honshu – eine Voraussetzung, die biologischen und biodynamischen Anbau hier wesentlich praktikabler macht. Entsprechend hat sich die Insel zu einem Zentrum der japanischen Naturweinbewegung entwickelt: spontane Vergärung, minimale Schwefelgaben, einheimische Hefen. Domaine Takahiko, 10R Winery in Iwamizawa, Domaine Mont und Nakai Vineyard zählen zu den Namen, die in den Naturweinbars Tokios und zunehmend auch in London, Paris und New York getrunken werden.