Was ist eigentlich Winzerchampagner?


Von Dominik Sona
5 Min. Lesezeit

Die Weinberge der Winzerchampagner Produzentin Hélène Charbaut.

Champagner ist für die meisten ein Markenprodukt. Man kennt die großen Namen, man kennt die Etiketten aus der Werbung, und man geht davon aus, dass in jeder Flasche desselben Hauses Jahr für Jahr dasselbe steckt. Genau das ist bei Winzerchampagner anders – und der Unterschied fängt schon damit an, wer die Trauben angebaut hat.

Wer sich einmal damit beschäftigt, findet auf jedem Etikett zwei kleine Buchstaben, die mehr verraten als der halbe Rest der Flasche. Dieser Beitrag erklärt, was Winzerchampagner ausmacht, was RM, NM und CM bedeuten, wie die Winzerbewegung entstanden ist – und warum ein Zusammenschluss von zwölf Familien aus dem Jahr 1971 bis heute eine Rolle spielt.

Winzerchampagner, kurz erklärt

Winzerchampagner ist Champagner von einem Erzeuger, der seine Trauben selbst anbaut und den Wein selbst ausbaut und abfüllt. Klingt selbstverständlich, ist es in der Champagne aber lange nicht gewesen. Über Jahrzehnte funktionierte die Region wie ein Zulieferverhältnis: Familien bewirtschafteten ihre Parzellen und verkauften die Ernte an die großen Häuser, die daraus ihre Cuvées assemblierten. Der Name auf der Flasche und die Hand, die die Reben geschnitten hat, gehörten selten zusammen.

Winzerchampagner dreht dieses Verhältnis um. Derselbe Mensch, der im Januar die Reben schneidet, entscheidet im Herbst, wann gelesen wird, und im Keller, wie ausgebaut und wie viel Dosage zugesetzt wird. Bei einem Betrieb mit einer Handvoll Hektar ist jede dieser Entscheidungen im Glas nachvollziehbar. Bei einer Cuvée aus Millionen Flaschen wird sie weggemittelt.

Das Ergebnis ist ein Champagner, der danach schmeckt, wo er herkommt: nach Jahrgang, nach Boden, nach Parzelle. Nicht nach einem Stil, der über Jahrzehnte konstant bleiben muss.

RM, NM, CM – die zwei Buchstaben auf dem Etikett

Am unteren Rand jedes Champagner-Etiketts steht ein Kürzel, meist klein gedruckt neben einer Nummer. Es verrät, in welchem Verhältnis der Abfüller zu den Trauben steht. Drei davon begegnen einem am häufigsten:

RM – Récoltant-Manipulant. Der Erzeuger verarbeitet ausschließlich Trauben aus den eigenen Weinbergen. Anbau, Ausbau und Abfüllung liegen in einer Hand. Das ist Winzerchampagner im engeren Sinn.

NM – Négociant-Manipulant. Das Haus darf Trauben oder Grundweine zukaufen. Das ist das Modell der großen Marken – aber eben nicht nur: Auch einige sehr gute kleine Häuser arbeiten als NM, etwa weil sie ihr eigenes Sortiment gezielt um zugekaufte Partien ergänzen.

CM – Coopérative de Manipulation. Eine Genossenschaft, die die Trauben ihrer Mitglieder gemeinsam verarbeitet.

Das Kürzel sagt nichts über die Qualität – ein NM kann hervorragend, ein RM mittelmäßig sein. Aber es sagt viel über den Spielraum. Ein Récoltant entscheidet über alles selbst, weil ihm alles selbst gehört. Ein Négociant kauft zu, was der Markt und die eigene Idee hergeben.

Bei uns liegt der Schwerpunkt auf Récoltants – auf Häusern, die ihre Weine vollständig selbst erzeugen. Mit Maison Pature führen wir aber auch einen Négociant. Elian und Matéo Pature kaufen aktuell nämlich Trauben von ihren Eltern. Wie man sieht ist das System komplex und Verallgemeinerungen sind unmöglich.

Wie aus Zulieferern Winzer wurden

Die Winzerbewegung ist keine Marketing-Erfindung der letzten Jahre, auch wenn sie erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten breit sichtbar geworden ist. Ihre Wurzeln reichen deutlich weiter zurück.

Die Grundidee war immer dieselbe: Warum die eigene Ernte anonym an ein großes Haus verkaufen, wenn man doch selbst weiß, was in den eigenen Lagen steckt? Wer einmal begonnen hatte, seine besten Parzellen separat auszubauen und unter eigenem Namen abzufüllen, sah im Glas, was vorher in der großen Assemblage verschwunden war: den Charakter eines bestimmten Bodens, eines bestimmten Jahres.

Diese Emanzipation vollzog sich über Generationen. Und an einer Stelle wurde sie zum ersten Mal organisiert – von einer Gruppe von Winzern, die aus einer Idee eine Vereinigung machten.

Der Spécial Club: als sich die Winzer zusammenschlossen

1971 taten sich zwölf der ältesten Winzerfamilien der Champagne zusammen. Es waren allesamt Récoltants-Manipulants, und sie teilten eine Überzeugung, die damals fast trotzig klang: dass Champagner nicht bloß ein austauschbares Markenprodukt sei, sondern zu den großen Terroirweinen der Welt gehöre – gleichberechtigt neben den Gewächsen aus dem Burgund oder aus Bordeaux.

Sie nannten ihren Zusammenschluss zunächst „Club de Viticulteurs Champenois", den Club der Champagner-Winzer. Um ihre gemeinsamen Spitzen-Cuvées vom übrigen Champagner abzuheben, wählten sie eine eigens für sie gefertigte Flaschenform, einer Champagnerflasche des 18. Jahrhunderts nachempfunden. Später kam der Name „Spécial Club" hinzu; 1999 wurde die Vereinigung schließlich zum „Club Trésors de Champagne".

Der Spécial Club ist damit die älteste Vereinigung von Winzerchampagner-Erzeugern der Region – und bis heute eine der strengsten. Eine Spécial-Club-Cuvée darf nur in besonders guten Jahrgängen produziert werden, und ob ein Jahrgang gut genug ist, entscheiden die Mitglieder gemeinsam: Sie treffen sich, verkosten die Grundweine des Vorjahres und stimmen ab, ob überhaupt ein Jahrgang erklärt wird. Danach muss die Cuvée zwei blinde Verkostungen bestehen – erst als Stillwein, später als fertiger Champagner nach mindestens drei Jahren Reifung auf der Hefe. Erst dann darf sie in die charakteristische Flasche.

Von den zwölf Gründerfamilien sind heute nur noch drei im Club: Pierre Gimonnet, Gaston Chiquet und Paul Bara. Der Kreis bleibt bewusst klein – aus mehreren tausend Erzeugern der Champagne sind es bis heute nur rund zwei Dutzend Häuser.

Winzerchampagner bei KR Weine

Genau diese Häuser suchen wir – Erzeuger, bei denen die Menge klein genug ist, dass Entscheidungen im Weinberg und im Keller überhaupt noch schmeckbar bleiben. Bei allen Produzenten, die wir führen, sind wir selbst der Importeur.

Ein Produzent aus unserem Sortiment gehört übrigens ebenfalls zum Club Trésors de Champagne: Champagne José Michel aus Moussy, ein traditioneller Meunier-Erzeuger der Coteaux Sud d´Épernay und langjähriges Mitglied des Spécial Club. Wir führen unter anderem seinen Spécial Club – eine Cuvée aus Pinot Meunier und Chardonnay, die nur in den besten Jahrgängen entsteht und in eben jener eigens gestalteten Clubflasche abgefüllt wird. Weil solche Cuvées grundsätzlich in kleinen Mengen produziert werden, sind sie im Handel schwer zu finden. Antonin Michel, der den Betrieb heute führt, arbeitet naturnah, ohne Herbizide, teils sogar mit dem Pferd im Weinberg.

Neben Häusern mit langer Geschichte wie José Michel führen wir vor allem die junge Generation der Champagne: Söhne und Töchter, die Betriebe übernehmen, deren Trauben jahrzehntelang an die großen Häuser gingen, und die zum ersten Mal selbst abfüllen. Ein paar Hektar, ein paar tausend Flaschen, und eine klare Vorstellung davon, was sie anders machen wollen. Fast alle unsere Champagner sind Extra Brut oder Brut Nature – wenig bis keine Dosage, dafür ganz viel Wein.

Wer sich durch das Sortiment probieren möchte, findet die gesamte Auswahl unter Winzerchampagner.



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